Definitions

 

 Definitionen Poesie 

 

 

Poesie ist "die knappste, am stärksten verdichtete Mitteilungsweise menschlicher Erfahrung." (Josef Brodsky) 

„Ein gutes Gedicht ist eine absolute Metapher für einen Weltmoment. Weil das Gedicht, wenn es ein Gedicht ist, diesen Augenblick als Epiphanie fasst, setzt es den Fakt, dass die Welt ein Uhrwerk ist, außer Kraft. Das ist der Erfolg eines Gedichts.“ (Joachim Sartorius)

„ Die Frage ist der Wunsch des Gedankens“, schreibt Maurice Blanchot und fügt hinzu.“ „Die Antwort ist das Unglück der Frage.“

Gaston Bachelard: „ In jedem wirklichen Dichter kann man Elemente einer angehaltenen Zeit finden, einer Zeit, die sich der Messbarkeit entzieht, einer Zeit, die wir vertikal nennen werden, um sie von der geläuterten Zeit zu unterscheiden, die horizontal mit dem Wasser des Flusslaufs, mit dem wehenden Wind dahinströmt. Deswegen ist es notwendig, deutlich festzustellen: während die Zeit der Prosa horizontal verläuft, ist die Zeit der Poesie vertikal. Die Prosa ist der erläuterte Gedanke, die erfahrene Liebe, das gesellschaftliche Leben, der Alltag. Das Leben verläuft linear und geht weiter.  Das Ziel der Poesie ist die Vertikalität, die Tiefe oder Höhe. Der dauerhafte Augenblick oder die Gleichzeitigkeit belegen, wenn sie sich gliedern, dass der poetische Moment eine metaphysische Perspektive hat.“

 

„Man kann eine Lüge nicht beten, hat Huckleberry Finn gesagt; man kann sie auch nicht dichten.“ ( Les Murray: Dichtung und Religion)

Das Unsagbare, Weiße zwischen den Worten

Das Unsagbare, das Weiße zwischen den Worten

 

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"Was wichtig ist: Das Unsagbare, das Weiße zwischen den Worten, und immer reden diese Worte von den Nebensachen, die wir eigentlich nicht meinen. Unser Anliegen, das eigentliche, lässt sich bestenfalls umschreiben, und das heisst ganz wörtlich: man schreibt darum herum: Man umstellt es. Man gibt Aussagen, die nie unser eigentliches Erlebnis enthalten, das unsagbar bleibt; sie können es nur umgrenzen, möglichst nahe und das Eigentliche, das Unsagbare erscheint bestenfalls als Spannung zwischen diesen Aussagen. Unser Streben geht vermutlich dahin, alles auszusprechen, was sagbar ist; die Sprache ist wie ein Meissel, der alles weghaut, was nicht Geheimnis ist und alles Sagen bedeutet ein Entfernen. Es dürfte uns insofern nicht erschrecken, dass alles, was einmal zu Wort wird, einer gewissen Leere anheim fällt. Man sagt, was nicht das Leben ist. Man sagt es um des Lebens willen. Wie der Bildhauer, wenn er den Meissel führt, arbeitet die Sprache, indem sie die Leere, das Sagbare vorantreibt gegen das Geheimnis, gegen das Lebendige. Immer besteht die Gefahr, dass man das Geheimnis zerschlägt, und ebenso die andere Gefahr, dass man vorzeitig aufhört, dass man es einen Klumpen sein lässt, dass man das Geheimnis nicht stellt, nicht fasst,nicht befreit von allem, was immer noch sagbar wäre, kurzum, dass man nicht vordringt zu seiner letzten Oberfläche.

Diese Oberfläche letztlich allen Sagbaren, die eins sein müsste mit der Oberfläche des Geheimnisses, diese stofflose Oberfläche, die es nur für den Geist gibt und nicht in der Natur, wo es auch keine Linie gibt zwischen Berg und Himmel, vielleicht ist es das, was man die Form nennt? Eine Art tönender Grenze - ."


Zitiert aus: Max Frisch: Schwarzes Quadrat. Frankfurt:Suhrkamp 2008. S. 23f

 

 

 

Was ist Poesie? Arthur Rimbaud (1871)

DER DICHTER ALS DER "DER SEHENDE"

ARTHUR RIMBAUD

Die beiden Briefe über die "Zukunft der Poesie" von Rimbaud entstanden in den Tagen des Aufstandes der Pariser Kommune im Mai 1871, an dem Arthur Rimbaud aktiv teilnahm:

Arthur Rimbaud sieht den Dichter als einen Arbeiter, der sich erniedrigt und an sich arbeitet, um aus sich einen Seher zu machen. Die Dichtung, sagt Rimbaud, müsse der Tat vorauseilen.

"Ich sage, dass man ein Seher werden, sich zum Seher machen muss."

" Es geht darum, durch ein Entgrenzen aller Sinne am Ende im Unbekannten anzukommen. Die Leiden sind gewaltig, aber man muss stark sein... Es ist falsch, wenn einer sagt: ich denke. Man sollte sagen: Es denkt mich... Ich ist ein anderer. Schlimm genug für das Holz, das als Geige erwacht."

 

Was wäre ohne Literatur?

Max Frisch über das schreibende Subjekt - was wäre ohne Literatur

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"Jedes gesellschaftliche System, ob ein feudales oder liberales entwickelt eine Sprache, die das System bis in die Nebensachen hinein affirmiert.

Eine Herrschaftssprache, nicht nur von der herrschenden Schicht gesprochen, als Alltagssprache, die wir lernen als Kind und lebenslänglich gebrauchen, ohne zu wissen, dass sie uns mit Vorurteilen erfüllt, mit Redensarten: (...)

Diese Sprache, die aus einer Summe von Redensarten besteht und Klischees, diese Sprache, die wir in der Schule lernen als einzig richtige Sprache ist aber nicht unbedingt die Sprache unserer Erfahrung. Sie entfremdet uns von unseren Erfahrungen. Viele leben nicht so, wie diese Sprache es behauptet. Wie man es sagt. Da viele aber nichts sagen können, wie sie erleben, fühlen sie sich verpflichtet, so zu erleben, wie die Herrschaftssprache es der schweigenden Mehrheit vorschreibt. Wie man lebt. Die Herrschaftssprache hat die Tendenz, uns zu entmündigen, um uns verfügbar zu machen. Sie kastriert und politisch Tag für Tag. - Was Literatur leistet:

Sie übernimmt keine Klischees, (oder denunziert Klischees) und sucht die Kongruenz zwischen Sprache und Erfahrung, die sich ändert. Vor einem Krieg und nach einem Krieg empfinden wir manches etwas anders. (...)

Der Schriftsteller blickt um sich. Indem er den Redensarten eine andere Sprache entgegensetzt, die Sprache seiner Erfahrung, entlarvt er die Herrschaftssprache als Herrschaftssprache, als Trug-Sprache - und darin sehe ich schon die politische Relevanz von Literatur, aller Literatur, auch wenn ein Roman oder ein Gedicht sich nicht mit einem gesellschaftlichen Thema befasst. "

Zitiert aus: Max Frisch: Schwarzes Quadrat. Frankfurt:Suhrkamp 2008. S. 66ff.