TYPOLOGISIERUNG

 Kategorien des Poesiefilms 

 

 

US-amerikanische Lyrik in intermedialer UmgebungTypologisierung

Wissenschaftlicher Essay von Sigrun Höllrigl, Juli 2011

Die Amerikanistin Martina Pfeiler unterscheidet in ihrer lesenswerten Publikation „Poetry Goes Intermedia. US-amerikanische Lyrik des 20. und 21. Jahrhunderts aus kultur- und medienwissenschaftlicher Perspektive“ fünf unterschiedliche Kategorien des Poesiefilms[1] , eine Einteilung, die mir recht sinnvoll erscheint und der ich hier folgen möchte:

1) Konkrete Poesie/konkreter Poesiefilm

2) Musik-Bild-Audiotext  

3) Musik-Bild-Schrifttext

4) Performance Poetry Clips

5) Film und digitale Animation

 

Ad 1) Konkrete Poesie/Poesiefilm
Als Beispiel für intermediale konkrete Poesie gilt die Arbeit  Primiti Too Taa von Ed Ackermann/Colin Morton, basierend auf den Ursonaten von Kurt Schwitters auf, einem der elaboriertesten Lautgedichte der Literaturgeschichte. Die Filmemacher filmten in einem aufwändigen Verfahren 4000 einzelne Schreibmaschinenblätter der mühevoll abgetippten Zeilen und Buchstaben der Ursonate, die in weiterer Folge in einer von Colin Morton  im Studio gesprochenen Aufnahme sychnronisiert wurde. Eine dreiminütige Kurzversion des Films aus dem Jahr 1988 ist auf You Tube abrufbar.

 

 

 

Ad 2) Musik-Bild-Audiotext
Als Beispiel diesen Typus des Poesiefilms bezieht sich Martina Pfeiler auf eine filmische Arbeit von George Aguilar mit dem Namen Agitated Beauty. Das Video beruht auf einer historischen Tonbandaufzeichnung von Sylvia Plath. Aguilar, der sich als experimenteller Filmemacher sieht, produzierte in den letzten Jahren zahlreiche Poesiefilme, und TV Shows, organisierte literarische Live-Veranstaltungen, u.a. das Non-Profit-Projekt „Digital Mission“ in San Francisco. Seit 1996 ist er der Direktor des San Francisco Poetry Film Festivals. Seine Hauptmotivation begründet er folgendermaßen:
The main reason I created Agitated Beauty was to expose Sylvia Plath actual voice to a wider audience. It was stunning to me to hear her voice on tape and I felt that putting it to a film would be a great way for others to experience that too.  In this piece, she is actually reading it and I do not make any changes or omissions and I sought to include imaginary that would be captivating to poeple to people but wouldn`t interfere with what she´s trying to convey. The film is simply about a woman going for a swim at night with Beethoven`s Moonlight Sonata in the background. I wanted the audience to fall easy into the spell of the scene so their ears would pay closer attention to Plath . [2]
Tatsächlich offenbart und akzentuiert  die klare und präzise Art und Weise, wie Sylvia Plath ihre Gedichte vorträgt den starken Formwillen der Autorin. Die historischen Tonaufzeichnungen korrigieren das Bild über Sylvia Plath, die sich hier nicht als die depressiv-getriebene Frau, sondern über das intellektuelle Kalkül ihres künstlerischen Ausdrucks offenbart. Dylan Thomas, Ernst Jandl und viele andere Dichtern waren glänzende Vortragende ihrer eigenen Werke und erschließen über Ihre Stimme der Poesie ihre Interpretation. Radioaufzeichnungen in Poesiefilmen aufzuarbeiten, ist meines Erachtens eine wichtige kulturelle Aufgabe, um historische Gedichte erneut und zeitgemäß einer breiteren Öffentlichkeit zu präsentieren.  Das  Sylvia Plath-Gedicht Fever 103 erreichte beispielsweise auf You Tube über 93 000 Zugriffe (Stand Juli 2010).

In dieselbe Richtung zielt die Videoarbeit der Amerikanerin Tonya Hurley Baptism of Solitude Auch hier dient eine historische Tonaufnahme als Grundlagediesmal ist es die Stimme des Schriftstellers Paul Bowles.

 

 Tonya Hurley folgt der Grundidee, das akustische Hörerlebnis von Sprache durch den Einsatz von Ton &Bild in einem intermedialen Gesamtkunstwerk zu intensivieren und zu vertiefen -  als Hör-(spiel)visualisierung. Die brüchige Stimme von Paul Bowles erlangt im Video durch Bild &Musik eine neue Eindringlichkeit, die einen nicht mehr loslässt und im Kopf lange über das Ereignis hinaus weiterwirkt.

 

Ad 3) Musik-Bild-Schrifttext
Als Charakteristikum für schrifttextliche Poesiefilme erscheint strukturell eine Abfolge von Schrifttext-Elementen als Einblendungen vor einem Hintergrund. Virtuos realisiert in dem You Tube Video Hunger von Billy Collins, das ebenfalls 77 000 Aufrufe (Stand Juli 2011) auf You Tube erzielen konnte.
 

 

 

 

Ad 4) Performance Poetry Clips
Performance Poetry Clips haben sich in den letzten beiden Jahrzehnten in den USA und verspätet auch in Deutschland herausgebildet. Es sind analoge, digitale Film- und Videoclips, in der Lyrikerinnen ihre Gedichte in einer gefilmten Performance vortragen. [3] Als ein sehr frühes Beispiel ließe sich Bob Dylans Musikvideo „Subterranian Homesick Blues“ aus dem Jahre 1967 anführen.

 

Dylan lässt vor der Kamera beschriebene Kartonblätter fallen, auf denen einzelne Wörter und Phrasen seines Liedes stehen. Anstatt in die Kamera zu singen, liefert Dylan dem Publikum den Liedtext schriftlich.
Der tatsächliche Beginn der Performance Poetry Clips liegt jedoch Anfang der 80er Jahre, begründet durch die Poeten Anne Waldman, Bob Holman und Allen Ginsberg, die viel Erfahrung mit Performance aufwiesen. Sie nutzten das Medium Film im Rahmen des Manhattan-Poetry-Video-Projektes, um Performance Poetry Clips zu produzieren. Die Poesiefilme waren in der ersten Phase sehr stark an MTV angelehnt. Die Ästhetik stand damals, schreibt Kevin Williams, für die Werte „hedonistic, hip, rebellious, narcisstic and free“[4]. Produziert wurden die Clips von Rose Lesnak, Karoly Bardosh und Laura Nuchow Vural. Die Clips sahen beschreibt Andrew Mossin in seinem Artikel Poetry Videos: A Global Café of Sorts, folgendermaßen aus:

Varying from four to ten minutes each, these videos share with their MTV counterparts a high degree of visual association, as subject shift rapidly before the camery and a slick „ produced“ feel, that they have become the trademark of the MTV video.“5

Ein legendäres Beispiel dieser Art ist das vierminütige Video von Anne Waldmann Oh-Uh Plutonium aus dem Jahre 1986, das im Rahmen des Deep-Dish-TV-Programms ausgestrahlt wurde. Anne Waldman inszeniert in dem Video ihr Gedicht im Sprechgesang mit Backstage Girls. Die Inszenierung des Gedichts weit mehr als eine Dokumentation der Performance-Qualitäten von Anne Waldman, hinzu kommt der Einsatz von grafischen Animationen, Zeichnungen, Fotos , Malerei. Von Live Performance Poetry gibt es unterschiedliche Ausprägungen, mit oder ohne musikalische Begleitung, aus denen editierte Auszüge einzelner Gedichte auf DVD erschienen und auf Internetplattformen wie You Tube. Die Aufnahmen können im Studio – und auch da vor Publikum - aufgenommen werden.
Realisiert wurde es im Poetry in Motion-Projekt von Ron Man aus dem Jahre 1982, in dem der Performance-Aspekt von 24 AutorInnen im Vordergrund steht, der sowohl über Live-Lesungen als auch über Studioaufnahmen audiovisuell dokumentiert wird. Allen Ginsbergs Beitrag ist ein Rock-Performance-Poetry-Clip seines Gedichts Capitol Air, welches er mit der kanadischen Band The Ceedes vor Publikum aufführte.

 

Das politische Gedicht kritisiert die unterdrückerischen Kräfte innerhalb der USA sowie deren imperialistische Kriegspolitik. Das  improvisatorische Song-Poem unterscheidet sich von der Printversion. Ginsberg inszeniert sich in dieser Videoarbeit als Rockstar.

Weiters zu erwähnen ist das The United States of Poetry Project  von Bob Holman, dessen Poetry Clips im Stil eines Kurzfilmes gehalten sind. In dieser Sammlung finden sich beeindruckende Clips von Lou Reed, Ginsberg, Quincy Troupe und Amiri Baraka versammelt.

 

Ein beeindruckendes Beispiel für System- und Medienkritik ist der inszenierte Performance Poetry Clip Vogue With The War Dead von Cindy Salach in Kooperation mit dem Filmemacher Kurt Heintz. Der Film zeigt Menschen, die durch die Landminen in Nicaragua schwer verletzt wurden. Die Zitate stammen von Oliver North aus der Iran-Contra-Affäre. Gleichzeitig parodiert der Film das Madonna-Musikclip Vogue. Cindy Salach parodiert durch ihre Performance das Madonna-Video. Der Filmer Kurt Heintz schreibt in der Projektdokumentation zu Vogue With The War Dead :
The plan was to take bits of public testimony by Oliver North, weave his speech through a performance poem which Cin would do, and incorporate Dix's photography with cartoon skeletons voguing during other parts of the piece. It sounded like an NBC Saturday Night Live sketch delving into full bad taste, but they assured me that the Nicaraguans' interests were at heart. I felt their stories and images were sacrosanct, and I had a little difficult time trying to reconcile the urge to lampoon at Madonna in the whole recipe. Cin and Mark simply wanted to know whether I could animate a video figure on cue and in performance. I assured them I could, so they were satisfied. The elements which "Vogue..." needed seemed a bit dissociated from each other to make much sense, but we forged ahead.[6]

Weiters noch ein Hinweis auf jene Performance Poetry Clips, welche nicht von den Lyrikerinnen selbst, sondern von Schauspielern vorgetragen werden, die das Gedicht rezitieren oder aufführen, wie etwas in dem deutschen Film Poem (2004). Klaus Maria Brandauer rezitiert darin Heinrich Heines Gedicht „ Der Schiffbrüchige“. Man setzt hier auf die Stimm- oder Schauspielqualitäten und den Bekanntheitsgrad der Darsteller. Ähnlich das Rilke-Audioprojekt  das Rilke Projekt Bis in alle Sterne .

 

Ad 5) Film und digitale Animation

Im Bereich digitale Animation ist die Flash-Animation von Robert Kendalls Gedicht Candles for a Street Corner stilbildend. Die Arbeit entstand in Zusammenarbeit mit dem italienischen Mediendesigner Michele D’Auria. Der fragmentarische Schrifttext imitiert einen handschriftlichen Schreibstil und kann synchron zur Voice over-Audioversion gelesen werden. Weiters anzuführen ist die Videoarbeit von der jungen Australierin Kylie Hibbert, Belles Lettres – Mirror. Sie basiert auf der Grundlage des Gedichtes  Mirror von Sylvia Plath. Dabei werden die Buchstaben einer Schreibmaschine animiert.  Die junge Australierin beschreibt ihre Arbeit auf dem Videoart-Kanal Vimeo:
Belles Lettres (beautiful letters) is a postgraduate study exploring the visual language of poetry. By transforming the written words of poetry into choreographed kinetic performance the project seeks to expand typographical conventions of traditional published poetry. The research project utilises the poetry of Emily Dickinson’s (1862) I died for beauty and Sylvia Plath’s (1961) Mirror, to explore the potential of paralinguistics and poetry as emotive narrative. These two poetic voices are fused by intimate revelations of anxiety, which have relevance in today’s society.Both films were shortlisted for the 2006 Berlin ZEBRA Poetry Film Awards, Mirror attracting a finalist placing.[7]

Die digitale Animation des Brasilianers Guilherme Marcondas Tyger (2006)  verzichtet gänzlich auf Schrifttext. Marcondas transferiert William Blakes  Gedicht in den Großstadtdschungel von Sao Paulo, durch den ein überdimensional großer Tiger streicht. Wo der Tiger hintritt, verwandelt sich die Stadt in Urwald. Von Marcondes stammt auch die transnationale Videoarbeit we hear them cutting,  eine Zusammenarbeit mit der amerikanischen Lyrikerin T. L. Kelly und Paulo Beto (Ton).
Der Siegerfilm des Zebra-Film Festival 2008 hieß "The Death", nach einem Gedicht von Billy Collins, animiert von Juan Delcan. Auf You Tube verzeichnet das Video über 800 000 Zugriffe (Stand Juli 2011) - eine ungeheure Breitenwirkung.

 

Digitale Animationen beruhen weiters häufig auf einem Audiogedicht. Die Medienkonvergenz geht häufig aus einer Kollaboration hervor, was einen zentralen Aspekt für die Arbeit mit digitalen Medien darstellt, aber kaum medienwissenschaftlich thematisiert wird. Interessant sind Fragen, wie sich die Kollaborationen und Vernetzungen auf das Monopol Literatur und die Vorstellung von der Autorenschaft als singulärem Wesen auswirken. Weiters, wie stark es zukünftig zu einer Verschiebung hin zu einer transnationalen, digitalen Literatur kommen wird.

Insgesamt ergibt sich ein sehr vielschichtiges Bild von intermedialen Poesiefilmen, solche die sich sehr stark an kommerziellen Musikvideos orientieren bis hin zur systemkritischen Arbeiten. In diesem Spannungsfeld bewegt sich der heutige Poesiefilm. Am Ende ihrer Studie über intermediale zeitgenössische Lyrik in den USA kommt die Wissenschaftlerin Martina Pfeiler zu einer bemerkenswerten Schlussfolgerung:
wo immer man sich man sich bei US-amerikanischer Lyrik in einem intermedialen Kontext bewegt, auf was man auch fokussiert, es öffnen sich stets materielle Zeitfenster zu etwas Vergangenem und etwas Zukünftigen.[8]

In der Form des audiovisuellen Poesiefilms reihen sich schriftliche auditive und visuelle Medien  auf unterschiedliche Ebenen nebeneinander. Historische Quellen, Audio, Film und Tondokumente können intermedial in ein emotionales und vielschichtiges Bedeutungsgefüge gesetzt werden. Genau diesen Brückenschlag zwischen Historie, Gegenwärtigen und Zukünftigem zeichnet auch die „Remixed“-Serien der ART VISUALS &POETRY-Poesie-Programme aus, die als fixen Programm-Bestandteil immer historische Sichtweisen mit transportieren, wenn nicht sogar zum Ausgangspunkt für die gegenwärtige Textproduktion setzen.

Im Fast-vorward-Modus steht für uns außer Frage, dass sich die Lyrik als eine der ältesten Gattungen durch remediale, intermediale und hypermediale Verbünde einen Platz am Desktop der Computernutzer sichern wird.

 

Definitionen:

Peter Weiss definiert den „ Filmdichter“  in seinem Buch „Avantgardefilm“
„Der Filmdichter kann sein Bild  der Welt, seine Halluzination, seine heimlichsten Gefühle, seine Unruhe konkret vor uns hinstellen und in all ihren Stadien entwickeln. Seine Sprache kann ruhig und episch fließen, er kann in einem hetzigen, exaltierten Tempo berichten oder in Rückblenden, Ausschweifungen, Fantasien, Utopien. [8]

 

George Aguilar definiert eine Cin(e)Poem als

A poetry film, videopoem, or cine(e)-poem)  strives for a symbiotic relationship of images. words, and sounds/music. It can integrate all the arts- drama, dance, music, graphics, and documentary elements. Some of the best poetry films and video poems use stills, animation, documentary clips as well as abstract computer generated graphics, and narrative. www.george.aguilar.com

 


[1] Martina Pfeiler:Poetry goes Intermedia. US-amerikanische Lyrik des 20. Und 21. Jahrhunderts aus kultur- und medienwissenschaftlicher Perspektive. Tübingen: Francke Verlag 2010.

[2] E-Mail Interview George Aguilar zit. nach Martina Pfeiler. Poetry goes intermedia. Tübingen: Franke Verlag 2010.  S. 166.

[3] vgl. Martina Pfeiler: Poetry Goes Intermedia. S. 172ff.

[4] Kevin Williams: Why I (still) want my MTV. Music videos and aesthetic communication. New Jersey: Hampton Press 2003. P. 20.


5 Poets &Writers Magazine http://www.pw.org/magazine zit. nach Martina Pfeiler. Poetry goes Intermedia. S. 173.

[6] Kurt Heintz: the symematic work. Vogue With The War Dead Sep 1992 http://heintz.e-poets.net/Fvogue.html

[7] Kylie Hibbert: Belles Lettres- Mirror. http://vimeo.com/24974319

[8] Martina Pfeiler. Poetry Goes Intermedia. S. 226.

[9] Peter Weiss: Avantgardefilm. Frankfurt: Suhrkamp 1995. S. 149.