Primo Levi über das "dunkle Schreiben"

Primo Levi: " Über dunkle Schreibweisen. Artikel (1976)"

primo_levi_1.jpgIn dem Artikel Über das dunkle Schreiben von 1976 schreibt Primo Levi: "Meiner Ansicht nach sollte man nicht dunkel schreiben. [...]    Eine vollkommen klare Schreibweise setzt einen ganz und gar bewussten Schreiber voraus. Das aber entspricht nicht der Realität. Wir  bestehen aus Ich und Es, aus Geist und Fleisch und darüber hinaus aus Nukleinsäuren, Traditionen, Hormonen, aus weit zurückliegenden und gerade erst erlebten Erfahrungen und Traumata: daher sind wir dazu verdammt, von der Wiege bis zur Bahre einen Doppelgänger mit uns herumzuschleppen, einen Bruder ohne Gesicht, der aber doch für unsere Handlungen mitverantwortlich ist, folglich auch für unser Schreiben". Diese irrationale Quelle, die jeden von uns behaust, muss man anerkennen, doch sie muss nicht für die einzige und beste Ausdrucksquelle gehalten werden. Denn, so Levi weiter, wer in der Sprache des Herzens - in der Sprache seines Doppelgängers - schreibt, laufe die Gefahr unverständlich zu sein und man müsse sich fragen, aus welchen Gründe er also geschrieben habe: die Sprache benutze man schließlich, um zu kommunizieren, um Informationen oder Gefühle auszutauschen, und wer nicht verstanden wird, teilt nichts mit, schreit in der Wüste.

"Wahr spricht, wer Schatten spricht", so Paul Celan in seinem Gedicht Sprich auch du . Was "Schatten sprechen" bei Celan heißt, werden wir im Laufe dieser Darstellung sehen. Es ist zunächst wichtig festzustellen, dass Primo Levi in seinem Artikel gegen das Dunkel in der Literatur - nicht ohne eine gewisse ideologische Grobheit, nicht ohne eine gewisse moralische Strenge - sich unmittelbar gegen Paul Celan richtet: "Das Sagbare ist dem Unsagbaren vorzuziehen, das menschliche Wort dem tierischen Gewinsel vorzuziehen. Es ist kein Zufall, dass die beiden am wenigsten verständlichen deutschen Lyriker, Trakl und Celan, im Abstand zweier Generationen sich das Leben genommen haben. Ihr gemeinsames Schicksal lässt den Gedanken an die Dunkelheit ihrer Dichtung als an eine Todesbereitschaft aufkommen, an ein Nicht-sein-Wollen, an eine Flucht vor der Welt, die dann im gewollten Tod gipfelten". Im Gegensatz zu Ezra Pound, dessen Dunkelheit als eine Verachtung dem Leser gegenüber zu lesen ist, fügt Levi hinzu, verdienen beide Dichter Respekt, schließlich hat "tierisches Gewinsel" schreckliche Gründe: "Wenn seine Lyrik" - so Levis abschließende Bemerkung über Celan - "eine Botschaft ist, so geht sie im Hintergrundsrauschen unter: sie ist keine Mitteilung, ist keine Sprache, ist allenfalls eine dunkle, verstümmelte Sprache, wie eben die eines Sterbenden, der allein ist, wie wir es alle im Augenblick des Todes sein werden. Da wir Lebenden aber nicht allein sind, sollten wir auch nicht so schreiben, als wären wir allein". Für das lyrische Schreiben fordert Levi statt Celans dunklem Schreiben also ein aufklärerisches Prinzip.
 

vgl. Jorge Semprun. Nachwort. In: Primo Levi. Zu ungewisser Stunde. Gedichte. München: Hanser, 1998. S. 108 ff.