Was wäre ohne Literatur?

Max Frisch über das schreibende Subjekt - was wäre ohne Literatur

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"Jedes gesellschaftliche System, ob ein feudales oder liberales entwickelt eine Sprache, die das System bis in die Nebensachen hinein affirmiert.

Eine Herrschaftssprache, nicht nur von der herrschenden Schicht gesprochen, als Alltagssprache, die wir lernen als Kind und lebenslänglich gebrauchen, ohne zu wissen, dass sie uns mit Vorurteilen erfüllt, mit Redensarten: (...)

Diese Sprache, die aus einer Summe von Redensarten besteht und Klischees, diese Sprache, die wir in der Schule lernen als einzig richtige Sprache ist aber nicht unbedingt die Sprache unserer Erfahrung. Sie entfremdet uns von unseren Erfahrungen. Viele leben nicht so, wie diese Sprache es behauptet. Wie man es sagt. Da viele aber nichts sagen können, wie sie erleben, fühlen sie sich verpflichtet, so zu erleben, wie die Herrschaftssprache es der schweigenden Mehrheit vorschreibt. Wie man lebt. Die Herrschaftssprache hat die Tendenz, uns zu entmündigen, um uns verfügbar zu machen. Sie kastriert und politisch Tag für Tag. - Was Literatur leistet:

Sie übernimmt keine Klischees, (oder denunziert Klischees) und sucht die Kongruenz zwischen Sprache und Erfahrung, die sich ändert. Vor einem Krieg und nach einem Krieg empfinden wir manches etwas anders. (...)

Der Schriftsteller blickt um sich. Indem er den Redensarten eine andere Sprache entgegensetzt, die Sprache seiner Erfahrung, entlarvt er die Herrschaftssprache als Herrschaftssprache, als Trug-Sprache - und darin sehe ich schon die politische Relevanz von Literatur, aller Literatur, auch wenn ein Roman oder ein Gedicht sich nicht mit einem gesellschaftlichen Thema befasst. "

Zitiert aus: Max Frisch: Schwarzes Quadrat. Frankfurt:Suhrkamp 2008. S. 66ff.